Ein neues Kapitel wird jetzt aufgeschlagen
Mit Polen kommt auch Ost-Pommern in die Europäische Gemeinschaft

Wolfgang Müller-Michaelis

Die Enttäuschung vieler Landsleute darüber, daß der politische Preis für die deutsche Vereinigung die endgültige Anerkennung der Grenzziehung an Oder und Neiße sein soll, ist verständlich. Sieht man aber durch den Schleier der diesen "Grenzvertrag" umgebenden bitteren Emotionen hindurch auf den Grund der Dinge, wie sie sich inzwischen tatsächlich entwickelt haben und weiter entwickeln werden, bekommt die Sache doch ein anderes Gesicht.

Eine Prognose soll am Beginn des neuen Jahres stehen: So wie 1990 zu unser aller Überraschung das Jahr der deutschen Vereinigung wurde, wird 1991 das Jahr werden, in dem der Durchbruch zur europäischen Einheit, zum Aufbau der politischen Union Europas gelingt. Nicht zuletzt der Funke der deutschen Einheit hat eine derartige Eigendynamik in den Aufbau Europas gebracht, daß wir uns im Verlauf dieses Jahres noch verwundert die Augen reiben werden, was sich an neuen Möglichkeiten für das Zusammenleben der Europäer alles ergeben wird, was früher unvorstellbar gewesen wäre. Vorausgesetzt, daß uns ein Krieg im Nahen Osten mit all seinen globalen Kettenreaktionen nicht doch noch alles zunichte macht. Aber wir wollen zuversichtlich davon ausgehen, daß der Menschheit eine solche Probe erspart bleibt.

Der Zug nach Europa steht nach der mutigen Grenzöffnung der Ungarn und dem Fall der Mauer in Berlin im Jahr 1989 unter Dampf. Nachdem sich der ehemalige Zwingherr der Osteuropäer im Kreml für nicht mehr zuständig erklärt hat, bricht sich die Flutwelle der Freiheit in Europa Bahn. Das gilt für die Bildung freiheitlicher, europa-gesinnter Regierungen im Osten des alten Kontinents genauso wie für das Auswechseln der politisch Verantwortlichen im Westen, die von der neuen europäischen Eigendynamik überfordert werden, wie die Abdankung der ehemaligen britischen Premierministerin Thatcher zeigt.

Als eines der wichtigsten Daten des "europäischen Kalenders 1991" wird sich die Berufung von Jan Krzysztof Bielecki zum Ministerpräsidenten des neuen demokratischen Polen und die Ernennung seines jungen Kollegen, des Finanzministers Leszek Balcerowicz, zum Vize-Premier erweisen. Drei Kernpunkte der am 5. Januar 1991 vor dem Parlament in Warschau abgegebenen Regierungserklärung waren: die Ausrichtung der polnischen Wirtschaftspolitik auf die Soziale Marktwirtschaft, das Streben nach intensiver Zusammenarbeit mit dem vereinigten Deutschland und das Ziel eines möglichst Beitritts zur Europäischen Gemeinschaft.

Dieses Programm der neuen polnischen Regierung wäre Ende 1989 als eine genauso große Sensation erschienen, wie es der Fall der Mauer in Berlin am 9. November 1989 gewesen ist. Aber beides ist heute Realität und bereitet den Weg für Entwicklungen, die nicht zuletzt für uns Pommern immer ersehnte, aber unter den bisherigen Umständen für nicht möglich gehaltene Ergebnisse bringen werden.

Ein Pole brachte die neue Situation auf den Punkt: "Das Unangenehme an der deutschen Vereinigung für uns Polen ist, daß nun die Deutschen zu uns kommen. Aber noch unangenehmer für uns wäre es, wenn sie nicht kommen würden."

Bei den polnischen Wahlen haben nicht nur Demokratie, Marktwirtschaft und Freiheit gewonnen. Bei genauer Analyse des Wahlergebnisses haben auch die Pommern mitgesiegt. Alle Anzeichen sind darauf gerichtet, daß diese neue Lage noch im Laufe dieses Jahres positive und konkrete Lösungsansätze, auch im Hinblick auf Pommern, mit sich bringen wird.

Während das frühere kommunistische Regime den Einsatz privaten Kapitals, die Freizügigkeit der Menschen und die Gewährleistung der Grundrechte fürchten mußte wie der Teufel das Weihwasser, gehört all dies zum notwendigen Lebenselexier einer demokratischen und freiheitlichen Ordnung, derer sich die Polen jetzt wieder erfreuen dürfen. Es ist auch für uns Deutsche eine großartige Sache, an unserer östlichen Seite einen Nachbarn zu wissen, der sich der gleichen Wertegemeinschaft verbunden fühlt, der auch wir verpflichtet sind. Ein Ergebnis dieser Wertegemeinschaft wird es konsequenterweise sein, daß die neue polnische Regierung nicht nur alles tun wird, um die Lebensbedingungen für unsere bei ihnen lebenden Landsleute zu verbessern, sondern auch den Zuzug übersiedlungswilliger Deutscher von West nach Ost zu ermöglichen. Anders wäre der polnische Beitrittswunsch zur Europäischen Gemeinschaft, der all dies automatisch eröffnet, ohne jeden Sinn.

Wenn nicht alles täuscht, werden wir in diesem "Europäischen Jahr 1991" Zeugen einer Entwicklung, die uns ein entscheidendes Stück den Zielen näherbringen wird, die der Studentische Arbeitskreis Pommern (SAP) 1962 in seiner visionären "Bosauer Formel" aufstellte und die auch dem " Pommerschen Manifest" von 1973 zugrunde liegen. Es ist die ganz einfache Vorstellung von einem nachbarschaftlichen Zusammenleben von Polen und Deutschen in gegenseitiger Achtung der freien Bürgerrechte, an welchem Ort ihres gemeinsamen europäischen Vaterlandes auch immer.

erschienen in: "Die Pommersche Zeitung", Jahrgang 41, Folge 2, 12. Januar 1991